2006-2011 - Blitzstatistik Österreich + Umgebung (Text-Version)

08.03.2012 13:04
avatar  Manuel
#1
avatar

Guten Tag!

Da wir ja gestern in Facebook schon darüber gelesen haben und ich die Statistiken soweit mir möglich mit den Karten ausarbeite, die uns von UBIMET gestellt werden möchte ich hier mal kurz etwas zu meiner bisherigen Arbeit niederschreiben, womöglich, da auch Nachfragebedarf besteht - und dieser soll ja gestillt sein.

Ich beschäftige mich seit 2001 mit Gewittern. Damals gab es eine weitaus zuverlässigere Blitzkarte von ALDIS, bis sie vom Netz genommen wurde und durch eine weitaus unzuverlässigere Blitzkarte auf wetter.orf.at ersetzt wurde. Wir erinnern uns! Hinzu kam, dass, trotz der bemerkenswert genauen Arbeit durch ALDIS (im damaligen Verhältnis) nur Cloud-Ground-Blitze berechnet wurden. Cloud-Cloud-Blitze ließ bzw lässt die gängige Technik durch ALDIS leider nicht zu. Dafür muss ein anderes System her. Unter Anderem wurde auch auf der WZ-Seite schon das Sferics-System genutzt, welches auch Cloud-Cloud-Blitze zulässt. Das allerdings möchte ich nicht als 100%igen Garanten hernehmen, abgesehen davon würde ich das wenn nur mit Absegnung durch Experten tun. Da wir jemanden im Verein haben, der Blitzdaten mitprotokolliert möchte ich niemandem damit auf die Füße treten und will anmerken, dass diese Nachforschungen 100% auf meinem Mist gewachsen sind und ich diese Tätigkeit aus reinem Interesse am damaligen Wettergeschehen betreibe. Trotzdem tun sich da einige interessante Trends auf, welche ich schon die letzten Jahre beobachtet habe und diese auch weiterhin aus Sicht eines Laien fortführen werde. Ich bin kein Meteorologe sondern betreibe solcherlei Dinge ausschließlich als Hobby und Spaß an der Freude.

So - Nun, hab ich feststellen müssen, dass einige Daten durch UBIMET nicht 100% zuverlässig sind, das bezieht sich vor allem auf das Jahr 2008, in dem man den Raum östlich der Donau gar nicht aufgezeichnet hat. Daher kann ich 2008 für eine Statistik als Solches leider nicht herehmen, wobei ich ein Ranking der blitzreichsten Tage der letzten Jahre (2006 - 2011) auflisten wollte. Das fällt nun leider hin, obgleich ich derlei ja bekanntermaßen schon vom letzten Jahr tat und damit etwas aufgewirbelt habe. Kann es denn sein, dass ALDIS' Blitzdaten falsch sind? Nein, denn wie oben berichtet werden dort nur die Entladungen mit Bodenkontakt gemessen. Statistisch gibt es weit mehr entladungen zwischen den Wolken, was teilweise in großer Höhe geschieht. Daher weicht diese Statistik weit davon ab, was Aldis aufgezählt hat. Für mein Teil jedoch gehört auch die CC-Entladung zu einem Gewitter dazu und nicht jeder Blitz trifft auch gleich den Boden.

Dadurch ergeben sich dann zb. auch hohe Blitzzahlen wie 148.000 vom 13.07.2011. Rückblickend kann man im Forum durchaus nachlesen, welche Wettersituation sich einstellte, doch auch darauf will ich hier nicht weiter eingehen. Bemerkenswerte Ereignisse waren besonders der 30. April 2011, wo bereits 11.000 Blitze gezählt wurden, für diese Jahreszeit ist das beachtlich. Auch der 24. April (Ostersonntag) war bereits ein Ereignis, welches in unseren Breiten ziemlich zeitig stattfand. Nämlich gut 2 - 3 Wochen früher als gewöhnlich. Der 22. Mai 2009 bemaß sogar 97.000 Blitze, ein sehr gewitterreicher Tag, wie ich mich rückblickend erinnere mit einigen sehr spannenden Ereignissen. Der bislang in meiner Statistik blitzreichste Tag war der 21. Juni 2007. Wer damals in Wien war wird sich noch sehr gut daran erinnern! 185.000 Blitze wurden gezählt, der Himmel war stetig erleuchtet vom Blitzgezucke. Der 29.06.2006 mit gut 135.000 Blitzen (siehe Grafik) und der 13.07.2011 mit 148.000 Blitzen.... das sind Ereignisse, die mich auf eine weitere interessante Tatsache stoßen ließ, die nun wissenschaftlich nicht so ohne Weiteres zu belegen wäre und rein nach meinem Gefühl erwähnt wird. Berechne ich nämlich die Statistik weicht einer dieser blitzreichsten Tage immer gravierend vom "Zweitplatzierten" ab, nämlich gut 1/3 mehr Blitzschläge. Das sind zumeist Frontdurchgänge mit vorgelagerten Gewitterlinien. Kleinräumige Großereignisse mit Tornados werden hier mal ausgegliedert, da solche Fronten aus Westen kommend für gewöhnlich das ganze Land betreffen und Superzellen, die in labiler Luft entstehen nicht mit einberechnen. Diese mögen äußerst blitzreich sein, doch eine Superzelle mit 10 - 15 k Blitzen beschränkt auf ein Bundesland kann in diese Statistik nicht mit einfließen. Demnach gibt es jedes Jahr ein oder Zwei dieser wirklich großen Ereignisse, welche sich deutlich von den anderen an Blitzdichte abheben. Diese sind typischerweise frontdurchgänge mit enorm hoher Blitzdichte, Orkanschäden durch Downbursts oder Böenwalzen mit vorgelagerten Gewittern, welche durchaus auch Tornados hervorrufen können. Ich verweise da auf den 11.07.2008 bei dem es in unserer Gegend wahrscheinlich einen dieser versteckten Tornados gab, die eine kleine aber nachweisliche Schneise zogen. Das war einer dieser Tage, die ich nicht in meiner Statistik nachweisen konnte, da mir die Karten fehlen, und das überlasse ich auch lieber denjenigen, die in der Materie eher bewandert sind. Auch 2009 weist für mich leider Lücken auf, doch war 2009 neben 2006 das aktivste Jahr, vielleicht nicht mit den blitzreichsten Gewittertagen, aber in Relation summiert sich alles auch ein bisschen anders, wenn man die Tage zusammenzählen würde. Dabei hat ALDIS beispielsweise um den 23.07.2010 gemessen, dass an diesem Wochenende im Burgenland mehr Blitze mit Bodeneinschlag gezählt wurden als üblicherweise in einem Jahr pro Quadratkilometer.

Trotz allem wurden in der Gesamtheit gut 18.000 Blitze weniger gezählt als beispielsweise am 13.07.2011. (siehe Grafik) So für 2012 will ich das Ganze weitaus gewissenhafter verfolgen, rein aus persönlichem Interesse. Prognosen zum Thema "Blitzrekordjahr" will ich da nicht aufstellen, denn das kann man bei Gott noch nicht mal am Vortag. Da spielen soviele Faktoren mit, dass man am einen Tag von Unwettergefahr spricht und am nächsten Tag durch Phänomene wie Outflow dann nicht annähernd das bekommt, was man erwartet hätte. Ich kann euch da Dinge erzählen, von Tagen, an denen ich auf glühenden Kohlen saß und dann eine Zelle 200 km südwestlich einen derart ausgeprägten Cirrusschirm verursachte, der die entstehung weiterer Gewitter schlichtweg unterband und "abschnürte". Die Energie war einfach nicht gegeben. Da spielt auch der Zufall eine tragende Rolle. Aber einen Fakt, den ich hier als Laie beobachten durfte gibt und gab es. 2011 begann die Gewittersaison sehr früh. Am 1. April gab es für diese damalige jahreszeit ungewöhnlich viele Blitze - ein Trend der sich über den April hinweg fortsetzte, bezogen auf Österreich und nähere Umgebung versteht sich. Dieses Jahr gab es bisher zwei außergewöhnliche Ereignisse: Nämlich die Wintergewitter am 13. Jänner. Solche finden in maritimer Nähe häufiger statt, beispielsweise in der Nordsee beim Eintreffen einer Front, die dort auf wärmere Luftmassen trifft. Hierzulande gibt es solche Ereignisse vielleicht 1-3 wobei dann zumeist andere Umstände sind. Hervorzuheben wäre die Warmfront vom 28.02. Gewitter mit etwa 25 Blitzen insgesamt: Das klingt nach nicht viel, doch in manfreds Wetterblog kann man schon nachlesen, was man da so für Faktoren miteinkalkullieren muss. Eine Fähigkeit, um die ich studierte meteorologen schlichtweg beneide. Was uns auch immer dieses Jahr erwartet. Es wird bestimmt wieder sehr spannend. Ich werde fleißig Blitze mitzählen, da ich persönlich gespannt bin, ob sich dieses Jahr wirklich ein Rekordjahr abzeichnet. Man kann daran glauben, das tue ich jedoch nicht. Für mich ist ein Rekordjahr an Extremwetterereignissen erst eines, wenn die Saison um ist, bis dahin ist ein solches Ereignis wie jedes andere eines, vor dem man die Bevölkerung warnen muss.

Datenlieferant bzw. Grafiken: UBIMET GmbH

Einen schönen Donnerstag.


 Antworten

 Beitrag melden
08.03.2012 18:52
avatar  Rocky
#2
avatar

Vielen Dank für diese Ausführliche Statistik, ist sehr interessant zu lesen!


 Antworten

 Beitrag melden
08.03.2012 18:54
#3
avatar

Ganz deiner Meinung Rocky!

Finde ich super dass dieses Thema mal wieder angekurbelt wurde. :)


 Antworten

 Beitrag melden
08.03.2012 19:52
#4
avatar

Wirklich sehr interessant!

Der 13.07.2011 war vielleicht der blitzreichste Tag von Österreich und Bayern zusammen, wenn man aber nur Österreich betrachtet wird klar, dass eine große Zahl der Blitze von der Mega-Superzelle da in Bayern (obere Bildhälfte) verursacht wurden, die war wirklich EXTREM blitzintensiv, hat sogar einen Tornado produziert: 13.07.2011 - Tornado F1> Deggendorf, Bayern (Deutschland)


 Antworten

 Beitrag melden
08.03.2012 20:13
avatar  Manuel
#5
avatar

Oberösterreich gehörte auch noch dazu, aber es stimmt schon, man kann das schwer pauschalisieren, Rein von der Landschaftstopographie her gehört das teilweise aber noch zur Berechnung dazu, vor allem wegen der böhmischen Platte, die einen wesentlichen Teil zur Auswirkung der Zugbahn solcher Frontlinien beiträgt. Der Bayerwald beispielsweise weist einige interessante Phänomene auf, die jedoch das Wettergeschehen nach osten hin massiv abbremsen.


 Antworten

 Beitrag melden
Bereits Mitglied?
Jetzt anmelden!
Mitglied werden?
Jetzt registrieren!